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Kulturell unterschiedliche Vorstellungen von Privatsphäre und Scham gehören zu den großen Herausforderungen im Arztberuf.

Kultursensibilität im Praxisalltag

Ein Drittel der Berliner Bürger hat einen Migrationshintergrund: Eine Vielzahl von Sprachen, Kulturen und Religionen finden sich in der Metropolregion. Multikulturalität ist dabei Chance und Herausforderung zugleich, auch und gerade für Heilberufe. Um den Herausforderungen angemessen zu begegnen, sind Aufmerksamkeit und Kultursensibilität vonnöten. Damit können Sie als Praxisinhaber Missverständnisse nicht nur entschärfen, sondern von vornherein verhindern. In unserem Ratgeber liefern wir Ihnen erste Hinweise dazu und stellen Ihnen wissenschaftlich fundierte Weiterbildungen zur Kultursensibilität im Praxisalltag vor.

Einfühlung und Verständnis als Grundlage für Kultursensibilität in Heilberufen

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein fremdes Land: Sie beherrschen die Sprache nicht und die Umgangsformen sind Ihnen nicht vertraut. Jede Begegnung mit Institutionen – seien es Polizei, Stadtverwaltung, Schulämter oder eben auch nur Zahnarzt, Arzt und Krankenhaus – stellt eine Stresssituation dar. Zu den Kultur- und Sprachdifferenzen kommen möglicherweise noch traumatische Erfahrungen hinzu, die Sie in Ihrer Heimat oder während der Reise erlebt haben. Das Gedankenexperiment dient nicht nur dazu, die Relevanz von Kultursensibilität in Zeiten hoher Flüchtlingszahlen aufzuzeigen.

Der gedankliche Rollentausch führt selbst bereits zur Entwicklung einer gewissen Kultursensibilität, wie etwa die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in einem Weiterbildungsleitfaden feststellte. Die Lebenssituation von Geflüchteten und anderen kürzlich Immigrierten stellt Herausforderungen, die im Praxisalltag berücksichtigt werden müssen, wenn Sie in Ihrer Praxis eine angemessene medizinische und therapeutische Versorgung gewährleisten wollen.

Die Sprachbarriere in der Praxis: Ein Problem für Heilberufe

Umgangsformen, Körpergrenzen, Geschlechterrollen – diese Faktoren interkultureller Differenz werden im Praxisalltag oftmals überdeckt von einem viel offensichtlicheren Unterschied: der Sprache. Was, wenn schon die Verständigung über das Anliegen des Patienten oder die Terminvereinbarung nicht gelingt? Vier Strategien können dabei helfen, der Sprachbarriere zu begegnen.

  • Stellen Sie Ihr Praxispersonal auch mit Blick auf die Heterogenität des Stadtteils zusammen. Gerade in einer Großstadt wie Berlin verfügen viele potenzielle Mitarbeiter selbst über einen Migrationshintergrund. Die sprachlichen und kulturellen Kompetenzen, die diese mitbringen, können den Praxisalltag vereinfachen.
  • Die Sprachbarriere beim Arzt oder Zahnarzt kann teils durch bilinguale Familienangehörige des Patienten entschärft werden: Sie kennen nicht nur beide Sprachen, sondern auch beide Kulturen und bringen oftmals eine aus eigener Erfahrung geschaffene Kultursensibilität mit sich.
  • Die Verwendung von Zufallsdolmetschern – anderen anwesenden Patienten im Wartesaal – ist aus medizinethischer Sicht problematisch, wie Ilhan Ilkiliç, Gesundheitswissenschaftler und Mitglied des Deutschen Ethikrats, in einer Fachpublikation herausstellte. In einigen wenigen Fällen – etwa der Vereinbarung eines Folgetermins – spricht aber auch unter ethischen Gesichtspunkten wenig dagegen.
  • Eine Lösungsstrategie, die noch Zukunftsmusik ist, stellt der Einsatz professioneller Dolmetscher im Gesundheitswesen dar. Dieser Vorschlag von Ilkiliç ist trotzdem die ethisch wie professionell optimale Lösung in einer multikulturellen Gesellschaft. In manchen Berliner Stadtteilen lassen sich tatsächlich bereits heute professionelle Dolmetscher für das Gesundheitswesen finden. Für die ländlichen Regionen Brandenburgs trifft dies in der Regel nicht zu.
     

Kulturunterschiede beim Arzt-, Zahnarzt und Therapeutenbesuch

Kultursensibilität und kritische Toleranz sind insbesondere dann unabdingbar, wenn mehrere Differenzfaktoren zusammenkommen. Die vier wichtigsten sind:

  • Unterschiede durch religiöse Prägungen und Tabus
  • Unterschiede im Geschlecht zwischen (Zahn-)Arzt und Patient
  • Große Altersunterschiede zwischen (Zahn-)Arzt und Patient
  • Kulturelle Differenzen hinsichtlich Privatsphäre, Körpergrenzen und dem Verhältnis von „Leib“ und „Seele“

Allgemeingültige Lösungsstrategien zur Überwindung von Kulturunterschieden existieren zwar nicht. Mit Blick auf aktuelle Weiter- und Fortbildungskonzepte zur Kultursensibilität im Gesundheitswesen lassen sich dennoch einige Aspekte benennen, die zur kultursensiblen Praxisführung dazugehören. So benennt etwa die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (KathHO NRW) in einem Projektbericht zur kompetenzorientierten, wissenschaftsbasierten und multiprofessionellen Aus-, Fort- und Weiterbildung neun Module, die die Herausbildung von Kultursensibilität fördern.

Worauf achten Weiterbildungen zur Kultursensibilität im Gesundheitswesen?

Das oben verlinkte Modulhandbuch der KathHO NRW stellt einen der aktuellsten wissenschaftsbasierten Entwürfe zur Einübung von Kultursensibilität in medizinischen und therapeutischen Berufen dar. Das Projekt benennt insgesamt neun allgemeingültige Module, die Bestandteil entsprechender Fortbildungen sein sollten. Für Ärzte, Zahnärzte und andere Heilberufe sind sieben davon von besonderer Bedeutung:

  • Reflexion von kulturell Eigenem und Fremden
  • Kultur verstehen: Erst wenn das eigene Denken, Fühlen und Handeln als kulturgeprägt erkannt wird, können kulturelle Unterschiede als solche verstanden werden.
  • Professionelle Gestaltung kultursensibler Beziehungen
  • Kultursensibel beraten: Kultursensibilität spielt nicht nur in der Anamnese und Diagnose eine wichtige Rolle, sondern ebenso bei gesundheitlichen Ratschlägen und Verhaltensvorgaben, die Sie als (Zahn-)Arzt geben.
  • Berücksichtigung des individuellen Zugangsverhaltens zur Gesundheitsversorgung
  • Kultursensibilität bei der Zusammenarbeit in Teams: Für das Verhältnis von (Zahn-)Arzt und Mitarbeiter gelten teils ähnliche Faktoren wie für das Verhältnis von (Zahn-)Arzt und Patient.
  • Interkulturelle Öffnung von Organisationen: Wie oben erwähnt hat ein multikulturelles Praxisteam viele Vorteile im Umgang mit Heterogenität.

Fazit

Die kulturelle, sprachliche und religiöse Heterogenität in Berlin und Brandenburger Großstädten stellt Herausforderungen an Ärzte, Zahnärzte, Therapeuten und sonstige Heilberufe. Diesen Herausforderungen können Sie mit einer kultursensiblen Einstellung begegnen. Dazu gehört die Reflexion der eigenen Kultur ebenso wie das Wissen um die Eigenarten anderer Kulturen. Während Sprachbarrieren dabei noch am deutlichsten hervortreten, gibt es zahlreiche kulturelle Differenzen, die als Alltagspraktiken nahezu unsichtbar sind. Ein kurzer Ratgeber kann einen interkulturellen Reflexionsprozess allenfalls anstoßen. Die Kompetenzen und das Wissen, die zu gelebter Kultursensibilität im Praxisalltag gehören, können Ihnen nur Fort- und Weiterbildungen vermitteln.

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