Foto: querstadtein e. V.
Veröffentlicht: 26. Juni 2026
Ganz besondere Einblicke ins Stadtleben bietet der Berliner Verein querstadtein. Hier zeigen ehemals obdachlose Stadtführer:innen wichtige Orte aus ihren früheren Leben.
Der Konzertsaal der Universität der Künste liegt in der Hardenbergstraße in Charlottenburg. Ausgerechnet hieran führt die Stadtführung von Meru vorbei. Meru heißt eigentlich Dieter und hat früher genau in dieser Gegend auf der Straße gelebt. Das ist zum Glück Vergangenheit. Inzwischen arbeitet Meru als Stadtführer, allerdings zeigt er keine klassischen Sehenswürdigkeiten, sondern die Orte seiner damaligen Obdachlosigkeit. Der Vorplatz der UdK ist so ein Ort, denn hier steht die „Schwarze PVC-Skulptur“ von Hans Nagel, die drei Meter hoch ist und aus mehreren Kunststoffröhren besteht. „Das ist der teuerste Wäschetrockner Berlins!“, sagt Meru und zeigt lächelnd auf die düstere Skulptur. Im Sommer kann diese ganz schön heiß werden, erinnert er sich: „Da ist die Wäsche in zwei Stunden trocken.“
So eine Episode klingt natürlich erstmal lustig und Meru erntet Lacher aus der Gruppe, die heute mit ihm durch Charlottenburg zieht, aber der 58-Jährige etwas rundliche Mann mit einem langen grauen Rauschebart erzählt auch von den unschönen Seiten der Obdachlosigkeit. Als er im Herbst 2012 von Thüringen nach Berlin gekommen ist, hat er am Bahnhof Zoo andere Obdachlose getroffen und sich mit ihnen angefreundet. Gemeinsam haben sie nicht nur die Skulptur als Trockner genutzt, sondern auch Essen organisiert. „Wir waren insgesamt acht, fünf Frauen, drei Männer. Nur zwei aus der Gruppe leben noch.“ Meru hat es dank eines engagierten Polizisten herausgeschafft aus der Obdachlosigkeit, aber andere sind im Winter erfroren oder an den Folgen einer Sucht gestorben.
Aber Meru lässt seine Gruppe nicht in Mitleid oder Wehmut verfallen. Mit ein paar lässigen Sprüchen führt er die Teilnehmenden weiter und erzählt von der Kleiderkammer, in der er einen schwarzen Armani-Anzug bekommen hat. Der hätte zwar schön ausgesehen, „aber eine Jeans wäre mir lieber gewesen, die wärmt besser im Winter“.
Meru ist Stadtführer bei querstadtein und führt Interessierte an Plätze seiner persönlichen Geschichte. Foto: querstadtein e. V.
Hinter diesem lehrreichen Projekt steht der querstadtein e.V. Der Berliner Verein hat mehrere ehemalige obdach- oder wohnungslose Menschen, die in verschiedenen Bezirken aus ihrem Leben erzählen. Letztlich geht es darum, diesen Menschen eine Stimme zu geben, auch um Vorurteile abzubauen. Clemens Poldrack ist einer der Projektmitarbeiter des Vereins, der die Touren entwickelt. In seinem Büro, das sich im Refugio-Haus der Berliner Stadtmission befindet, erzählt er, was diese besondere Initiative bewirkt hat.
Clemens Poldrack ist einer der Projektmitarbeiter des Vereins und entwickelt die Touren gemeinsam mit den ehemaligen Obdach- und Wohnungslosen. Foto: querstadtein e. V.
„Unser Verein wurde 2013 mit dem Ziel gegründet, Menschen mit Wohnungs- und Obdachlosigkeitserfahrung die Chance zu geben, einen Raum zu haben, wo sie für sich selbst sprechen können, um so in einen Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft zu kommen.“ Neben den Stadtführungen zum „Leben auf der Straße“ gibt es noch Führungen zu „Berliner Migrationsgeschichten“ sowie „Klima und Migration“.
Am meisten nachgefragt sind aber die sechs Stadtführer:innen, die von ihrer Wohnungs- oder Obdachlosigkeit erzählen. Wie beliebt diese Angebote sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Im Jahr 2025 gab es knapp 800 Bildungsformate, darunter 740 Stadtführungen, Workshops und digitale Formate wie Audio-Walks.
Bei den Workshops geht es darum, die Hintergründe von Wohnungs- und Obdachlosigkeit zu erklären. Mitarbeitende von querstadtein moderieren die eineinhalbstündigen Veranstaltungen zusammen mit Stadtführer:innen, die auch hier ihre persönlichen Erfahrungen einfließen lassen. „Wir gehen darauf ein, woher soziale Ungleichheit kommt und aus welchen Gründen, Menschen auf der Straße leben“, sagt Clemens Poldrack. „Wir wollen damit auch die Teilnehmenden zum Handeln motivieren, selbst aktiv zu werden und sich dafür einzusetzen, dass Ungleichheiten in ihrer Stadt oder ihrem Bezirk abgebaut werden.“
Das funktioniert erstaunlich gut, wie Poldrack betont. Es gebe immer wieder Schülerinnen und Schüler oder auch Erwachsene, die nach den Workshops Briefe an ihre Bundestagsabgeordneten schreiben oder sich in der Obdachlosenhilfe engagieren. Aber auch bei denjenigen, die nicht direkt aktiv werden, bewirken die Workshops etwas: „86 Prozent der Teilnehmenden geben an, dass sie mehr Empathie für betroffene Menschen entwickelt haben“, stellt Poldrack zufrieden fest. „Das ist wichtig, um Vorurteile abzubauen und soziale Ungleichheiten zu bekämpfen.“
Alles in allem hat der querstadtein-Verein im letzten Jahr etwa 16.000 Menschen erreicht, die wertvolle Einblicke in ganz andere Lebenswelten bekommen haben. Tatsächlich nehmen auch Schulklassen an den Führungen teil, auch einige, die gerade auf Klassenfahrt in Berlin sind. So kommen auch Jugendliche mit diesem Thema in Berührung, die Obdachlosigkeit eventuell nicht aus ihrem eigenen Ort kennen. „Wir merken immer wieder, dass junge Menschen mit einer ganz anderen Offenheit an den Touren teilnehmen als Erwachsene, deswegen ist es sehr wichtig, dass wir mit unseren Angeboten Schülerinnen und Schüler erreichen“, sagt Clemens Poldrack. „Es sind immer welche dabei, die etwas mitnehmen und bei denen sich etwas verändert im Denken.“
Genau hier setzt die Förderung der Stiftung Berliner Sparkasse an. Für 40 bis 50 Schulklassen pro Jahr übernimmt die Stiftung den Unkostenbeitrag für die Stadtführungen. Dieses Engagement besteht schon seit 2018. Die Berliner Initiative querstadtein ist 2023 mit dem Roman Herzog Preis der Berliner Sparkasse ausgezeichnet worden.
Wichtig bei diesem Projekt ist nicht nur, dass das Thema Obdachlosigkeit damit greifbarer wird, sondern es gibt auch den Stadtführer:innen einen ganz neuen Lebenssinn, wie Clemens Poldrack betont: „Sie waren in ihren früheren Leben für die meisten Menschen praktisch unsichtbar. Bei uns machen sie einen echten Erfahrungswechsel, denn jetzt kommen die Leute zu ihnen und wollen ihre Geschichte hören. Unsere Stadtführer:innen merken auch, dass das, was sie machen, wichtig ist. Über die Tätigkeit bei uns können sie etwas bewirken bei anderen. Ich glaube, diese Faktoren sind mehr wert als das Geld, das sie dabei verdienen.“
Wer mit Meru eine Stadtführung macht, spürt in jeder Minute, wieviel Lebensfreude er wieder gewonnen hat. Seit zehn Jahren führt er mehrmals pro Woche Gruppen durch Charlottenburg. Da sich sein alter Kiez verändert hat, zeigt er großformatige laminierte Fotos. So gibt es die Lüftungsschächte am Bahnhof Zoo nicht mehr, die ihm damals Wärme gespendet haben, und der Steinplatz an der Hardenbergstraße hatte früher mehr Hecken, die Schutz geboten haben in der Nacht. Auf dem Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo umarmt er schließlich eine der öffentlichen Telefonsäulen: „Ich gehöre hier seit zwölf Jahren zum Inventar!“
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