Der Verein „Radeln ohne Alter“ bietet Rikscha-Touren an für Menschen, die nicht mehr selbst Fahrrad fahren können – und so trotzdem mobil bleiben.
„Willkommen in der Toskana!“ Klaus Seidel ist immer wieder begeistert, wenn er das Schloss Glienicke sieht. Tatsächlich ist dieser Prachtbau in Zehlendorf inspiriert von italienischen Villen. Klaus Seidel führt heute eine kleine Reisegruppe an, denn er ist ein Pilot bei „Radeln ohne Alter“. Der pensionierte Lehrer steuert eine kleine Rikscha, in der zwei Passagiere Platz haben. Hinter ihm folgt Bernd Menke ebenfalls auf einer Rikscha mit zwei Gästen. Jeden Dienstag fahren sie ehrenamtlich im Tandem, um mobilitätseingeschränkten Menschen einen Ausflug ins Grüne oder eben zu einem Schloss zu ermöglichen.
Der Startpunkt ist das Vitanas Seniorencentrum, das nur ein paar hundert Meter vom Schloss entfernt liegt. Hier stehen die Rikschas im Keller und werden von Ehrenamtlichen wie Klaus und Bernd zu Touren mit den Bewohnerinnen und Bewohnern herausgerollt. Dabei handelt es sich um E-Bikes mit bequemen Sitzen, für Fahrkomfort ist also gesorgt. Heute geht es noch weiter an der Havel entlang und durch verschlungene Pfade in Wannsee-Nähe. Babette, eine der Passagierinnen, ist schon zum vierten Mal dabei und freut sich, denn sie ist hier in der Gegend zur Schule gegangen. Bei jedem Rikscha-Ausflug erinnert sie sich wieder an vertraute Routen aus ihrer Jugend. „Und gleichzeitig ist es schön, mit diesen Touren nochmal neue Wege kennenzulernen.“
Bei „Radeln ohne Alter“ handelt es sich um eine weltweite Bewegung (im wahrsten Sinne), die ihren Ursprung in Kopenhagen hat. Dort wurde sie 2012 unter dem Namen „Cycling without Age“ gegründet und schon 2015 folgte der erste Ableger in Berlin, weitere deutsche Städte kamen schnell hinzu. Inzwischen gibt es in Deutschland mehr als 100 Standorte.
Für den Standort in Berlin-Wannsee ist Indra Wiesinger zuständig, sie ist hier die Kapitänin und organisiert die Termine und die Freiwilligen, die als Pilotinnen und Piloten mitmachen. „Jeder Wochentag in Wannsee ist für ein anderes Heim reserviert“, erklärt Indra Wiesinger, die hauptberuflich als Diakonin bei der evangelischen Kirche arbeitet. „Manchmal machen wir auch Fahrten mit Gästen außerhalb der Heime.“
Der Berliner Verein insgesamt hat 16 Rikschas verteilt auf zwölf Standorte, einer davon befindet sich in Potsdam. „Viele nehmen das Angebot öfter wahr“, sagt Indra Wiesinger. „Aber es ist schwer, genug Freiwillige zu finden, die die Rikschas regelmäßig fahren wollen.“
Bernd und Klaus sind jedenfalls begeisterte Piloten, die am liebsten im Tandem unterwegs sind. „Wenn doch mal etwas passiert mit einer Rikscha, ist der Kollege da und kann helfen“, sagt Bernd beim Anblick auf die Pfaueninsel, einer weiteren Station auf dieser Tour. An besonders schönen Aussichtspunkten halten die beiden mit ihren Rikschas an und stellen sich so hin, dass die vier Gäste den Panoramablick über die Havel genießen können. Aber dann geht es auch schon weiter, denn sonst kommt die kleine Reisegruppe, die immerhin 15 Kilometer in eineinhalb Stunden zurückgelegt hat, zu spät zum Mittagessen im Vitanas Seniorencentrum.
Die Rikschas stammen übrigens aus der Freistadt Christiana in Kopenhagen, wo es eine kleine Fahrrad-Manufaktur gibt. „Man kann auch eine Rikscha-Patenschaft übernehmen und unseren Verein auf diese Weise unterstützen“, erklärt Indra Wiesinger. „Mit so einer regelmäßigen Spende können wir die Wartung der Rikschas bezahlen.“ Der Verein möchte die Gesellschaft auch „für die alltäglichen Barrieren älterer und mobilitätseingeschränkter Menschen sensibilisieren und die Politik langfristig von der Wichtigkeit einer nachhaltigen und inklusiven Stadtplanung überzeugen“. Was bei jeder einzelnen Fahrt passiert, hat auch seinen Wert, denn es kommt zu einem generationenübergreifenden Austausch, der beiden Seiten mehr Lebensfreude schenkt.
Die Berliner Sparkasse hat „Radeln ohne Alter“ im Rahmen der Aktion „Vereint für Vereine“ von rbb 88,8 und Berliner Sparkasse unterstützt.
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