Berliner Urgesteine – große Schnauze, großes Herz

Was macht ein Berliner Urgestein aus? Sieben Menschen, die es wissen müssen, erzählen von ihrer Stadt – von der Ur-Neuköllnerin, die ihren Bezirk nie verlassen hat, über die Ost-Berlinerin, die in der Nacht des Mauerfalls erst einmal schlafen ging, bis zur Currywurst-Erbin in vierter Generation. Ihre Geschichten handeln von einer Kindheit zwischen Dachpappe und Bitumen, vom Morgen des Mauerfalls und von einer Stadt, die niemals stillsteht. Und sie beweisen: Die Berliner Schnauze ist echt. Das große Herz dahinter auch.

Ur-Berliner: Das Wichtigste in Kürze

„Eigentlich müsste man Ur-Berliner unter Naturschutz stellen“, findet Martin – gebürtige Berliner mit Stammbaum sind selten geworden.

  • Sieben Ur-Berlinerinnen und Ur-Berliner erzählen von ihrer Kindheit im Kiez – in Ost und West –, vom Morgen des Mauerfalls und davon, was ihre Stadt zusammenhält.
  • Vielfalt ist für sie kein Schlagwort, sondern Alltag – „der Motor, den wir noch haben“, sagt Melanie Bärmann.
  • Die Berliner Schnauze gibt es wirklich. Dahinter steckt aber seit jeher: harte Schale, weicher Kern.


„Ich bin nicht nur Ur-Berlinerin. Ich bin Ur-Neuköllnerin.“

Melanie Bärmann, Ur-Berlinerin aus Neukölln

Melanie Bärmann muss nicht lange überlegen, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt. „Meine Familie ist in der dritten Generation in Berlin ansässig. Das Weiteste waren meine Urururgroßeltern – die kamen aus dem Spreewald. Die haben es also auch nicht weit geschafft.“ Sie lacht, wenn sie das erzählt. Es klingt ein bisschen stolz und genauso selbstverständlich. 51 Jahre alt ist sie, geboren in Neukölln, aufgewachsen in Neukölln, verheiratet mit einem Neuköllner. Ihre Eltern leben bis heute im Bezirk, sie selbst wohnt inzwischen direkt am Britzer Garten.

„Ich habe es bisher aus meinem Bezirk noch nicht rausgeschafft“, sagt sie – und meint das nicht als Eingeständnis, sondern als Liebeserklärung.

Dabei muss sie ihre Heimat regelmäßig verteidigen. „Ich habe Freunde außerhalb Berlins, die sagen: Berlin an sich ist ja schon schlimm, aber jetzt wohnst du auch noch in einem Problembezirk. Läufst du da nur mit schusssicherer Weste rum?“ Melanie kann darüber nur den Kopf schütteln. Und dann zählt sie auf, was in keiner Schlagzeile steht: das Schloss Britz mit Amphitheater, Dorfteich und alten Nutztierrassen – „da habe ich geheiratet, das ist fußläufig von uns“. Die alte Schmiede im Dorfkern von Rixdorf, in der seit knapp 500 Jahren die Esse brennt. Die kleinen Suppenküchen in den Erdgeschosswohnungen der Querstraßen, „die kochen da 33 Suppen am Tag, da kannst du dir dein Mittagessen holen“. Und den südindischen Laden, dem eine Freundin, die 14 Jahre in Kerala gelebt hat, echte indische Küche bescheinigt.

„Wir brauchen aus unserem Bezirk eigentlich gar nicht raus. Hier gibt es alles.“

Seit 31 Jahren arbeitet Melanie bei der Berliner Sparkasse, zehn davon war sie im Callcenter für Kreditkarten. Dort hat sie eine besondere Fähigkeit meist gut versteckt: Sie kann „janz fürchterlich berlinern“. „Es kam so oft vor, dass jemand zu mir sagte: Sie kommen aber nicht aus Berlin, oder? Dann musste ich immer erst mal ein paar Sätze janz fürchterlich von mir loslassen.“

 

Eine Kindheit zwischen Dachpappe und Bitumen

Fragt man Melanie nach dem Geruch ihrer Kindheit, kommt die Antwort ohne Zögern: Dachpappe und Bitumen. Ihr Vater war Dachdecker, ihre Mutter machte die Buchhaltung, gewohnt hat die Familie in einer Werksmietwohnung direkt über der Produktionshalle, am U-Bahnhof Grenzallee. Das heiße Bitumen wurde dort in Schläuche gefüllt und kühlte in einem Wasserbecken aus.

„Ich saß den ganzen Sommer in diesem dreckigen Wasserbecken zwischen den Bitumenwürsten. Das war mein Schwimmbad. Da hat keiner gesagt: Iih, Bakterien. Das waren noch Zeiten.“

Die Firma gibt es bis heute. Vor Kurzem war Melanie dort, um Bauschutzmatten zu kaufen. „Ich komme in diese lange Halle und bin sofort wieder in meiner Kindheit gewesen.“

Ein paar Kilometer weiter westlich wuchs Martin auf, in Schlachtensee, einem Ortsteil von Zehlendorf. „Es war schon sehr dörflich. Jeder kannte jeden in der Straße. Als Kind konnte ich ohne Probleme auf der Straße spielen, und die Nachbarn haben aufgepasst, dass nichts passiert.“ Der Kiez war die Welt: Freunde, Schule, alles lag im Umfeld. Das Höchste der Gefühle? Mal ein Ausflug nach Steglitz. Berlin, sagt Martin, hat eben ganz viele Ecken, „die gar nicht dieses Moloch Großstadt haben“.

Ur-Berliner Martin Köpke vor Schloss Bellevue

Heike Rummler, Ur-Berlinerin aus Kreuzberg

Und Heike erinnert sich an Kreuzberg – an die Gegend rund um den Oranienplatz, an reges Treiben auf den Straßen, später an die Zeit der Hausbesetzer und Demonstrationen. Vor allem aber an ein Gefühl: „Diese Freiheit zu haben, einfach vor die Haustür zu gehen, auch mitten in der Stadt. Ich glaube, da haben wir damals gar nicht drüber nachgedacht.“

Wie die Kindheit auf der anderen Seite der Mauer klang, weiß Herma. Sie wächst in Ost-Berlin auf und denkt vor allem an „ein Gefühl der Unbeschwertheit, der Leichtigkeit, Sicherheit und Geselligkeit: draußen spielen ohne Eltern, nur mit den Nachbarskindern, große Familienfeiern, drei Wochen Kinderferienlager in den Sommerferien“. Bis zum neunten Lebensjahr lebt sie in Pankow, gegenüber dem Kissingensportplatz, in ihrer Erinnerung „riesig groß“, mit Drachensteigen und Rollerfahren. Die frische Milch holt sie im Tante-Emma-Laden in einer Alumilchkanne, und an warmen Sommertagen fährt sie allein mit der Straßenbahn ins Freibad Pankow. „Kein Elterntaxi oder Ähnliches.“

Ihr Vater stirbt, als Herma neun ist. Die Familie zieht nach Friedrichshain, in den gerade fertiggestellten „S-Bau“ am neuen Leninplatz, dem heutigen Platz der Vereinten Nationen. „Es war Luxus, eine Wohnung mit Zentralheizung, Müllschlucker und Fahrstuhl zu haben. Große Fenster, alles neu, Badewanne, Einbauküche. Wir waren glücklich.“ Vor der Tür eine Kaufhalle: „Alles, was man braucht, an einem Ort! Das war neu. Ich kannte vorher nur Lebensmittelläden, Fleischer, Bäcker.“ Auf den glänzenden Steinplatten am Lenindenkmal fährt sie stundenlang Rollschuh, im Volkspark Friedrichshain wird im Winter gerodelt und am Märchenbrunnen bekommt sie mit 15 ihren ersten Kuss.

Herma als Jugendliche in Berlin-Friedrichshain

Als Jugendliche geht es dann fast täglich in die Mocca-Milch-Eisbar auf der Karl-Marx-Allee: Eisbecher „Pfirsich Melba“, Zitronenflip oder süßer Wermut. „Bei uns hieß der Wermut Cio-Ciosan, im Westen Cinzano.“

Vier Kindheiten, in Ost und West und viermal dasselbe Muster: Berlin ist groß, aber es beginnt immer im Kleinen. Bei Melanie war es der Spielplatz, der genau in der Mitte zwischen ihrer Wohnung und der ihrer besten Freundin lag. „Das war das Zentrum von meinem Kiez.“


Der Morgen, an dem die Mauer fiel

Es gibt ein Datum, das in fast jedem dieser Gespräche fällt: der 9. November 1989.

Melanie ist damals 14. Kurz zuvor sind zwei Familien über Ungarn aus der DDR geflüchtet, deren Kinder von heute auf morgen in ihrer Klasse sitzen – zum ersten Mal beschäftigt sie sich mit der deutsch-deutschen Geschichte. Dann kommt dieser Morgen, den sie nie vergessen wird. Sie macht den kleinen Fernseher in ihrem Zimmer an. „Ich hatte an einem Bein schon die Perlonstrumpfhose an und am anderen noch nicht. Dann haben die gesagt: Heute Nacht ist die Mauer gefallen. Ich bin in die Küche gerannt und habe gerufen: Mama, die Mauer ist heute Nacht gefallen! Und meine Mutter nur: Was erzählst du denn da, bist du noch nicht richtig wach?“

Bis dahin hatte die Teilung für das Kind aus Neukölln vor allem an der Grenze stattgefunden. Wenn die Familie mit dem Wohnwagen in den Urlaub fuhr, weckte ihre Mutter sie vor dem Kontrollpunkt: „Melanie, wach auf, sitz gerade, guck den an, sei freundlich.“ Einmal vergaßen ihre Großeltern, das CB-Funkgerät aus dem Wohnwagen auszubauen. „Zur Strafe haben die Grenzer den Wohnwagen komplett zerlegt und wieder zusammengesetzt. Die haben in jeden Hohlraum geschaut.“ Als Kind, sagt sie, konnte sie diese Angst nicht greifen. Umso klarer ist ihr der Morgen des Mauerfalls in Erinnerung geblieben: „Das war für mich der Umbruch – vom Kind zum Erwachsenen. Der Tag, an dem ich gesagt habe: Okay, jetzt machst du dir mal deine eigenen Gedanken.“

Martin an der Siegessäule

Martin kannte die Mauer da schon lange aus nächster Nähe. Schlachtensee lag nicht weit von der Grenze entfernt. „Wir haben als Kinder kleine Abenteuerwanderungen gemacht, auch mal die Mauer entlang.“ Umso surrealer der Moment, als plötzlich alles vorbei war: „Die Mauer war offen, du hast deinen Ausweis gezeigt und bist einfach durchspaziert. Es war eine geile Zeit.“

Und im Osten der Stadt? Dort gehörte die Mauer für Herma schlicht zur Normalität. „Sie war eben schon immer da“, sagt sie. Im Staatsbürgerkundeunterricht wurde erklärt, warum sie notwendig sei – „nebenan war ja der ‚Klassenfeind‘“. Als junge Mutter zieht Herma 1982 in die Gleimstraße, die genau an der Mauer endete. Mit ihren zwei Kleinkindern ist sie fast täglich im Gleimpark am Ende der Straße, mit Spielplatz, Planschbecken und Kindergarten. „Dahinter gab es nichts mehr.“

Am Abend des 9. November sitzt sie zu Hause vor dem Fernseher, in den Nachrichten laufen die Bilder vom Grenzübergang Bornholmer Straße, keine zehn Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Dass die DDR so nicht weiterbestehen würde, hatte sich für sie längst angekündigt: die Flucht vieler Menschen über Ungarn, die Demonstrationen. „Es herrschte eine revolutionäre Stimmung. Die Menschen wollten nicht mehr belogen werden.“ Und was tut Herma in dieser historischen Nacht? Sie geht schlafen. „Ich dachte: Wenn die Mauer wieder schließt, möchte ich nicht im Westen sein – ich hatte zwei kleine Kinder. Und wenn sie offen bleibt, habe ich noch genug Zeit, nach Westberlin zu fahren.“

Herma ist damals 29 und Direktorin des Berliner Kaffeehauses am Alexanderplatz. Als sie am nächsten Tag in ihren Betrieb kommt, fehlt die Hälfte der Belegschaft. „Viele sind rübergefahren, haben gefeiert und sind dortgeblieben, falls die Mauer wieder schließt. Noch nie vorher waren Mitarbeiter unentschuldigt der Arbeit ferngeblieben. Ab diesem Tag wurde alles anders.“

Ein paar Tage später fährt sie selbst mit ihrem Trabant über die Bornholmer Straße nach Westberlin, zu Verwandten nach Reinickendorf. Der Kurfürstendamm enttäuscht sie zunächst. Sie hatte sich eine Prachtstraße wie Unter den Linden vorgestellt. Dann steht sie im KaDeWe vor der Fischtheke der Gourmetabteilung: „Da dachte ich: Das ist der Westen. Diese Fülle, diese Attraktivität der Auslagen – all das hat mich sehr beeindruckt.“ Das zweite Aha-Erlebnis folgt im Großmarkt, vor Hochregalen voller Waren: „Ich dachte, das ist das Paradies. Es gibt alles – und immer.“

Herma – Ur-Berlinerin aus dem Ostteil der Stadt

Kai erlebt dieselben Wochen aus einer ganz anderen Perspektive. Im September 1989 arbeitet er an einem Projekt, das aus heutiger Sicht fast komisch wirkt: einer Olympiabewerbung für Berlin – zusammen mit Unternehmensberatern, die sich gerade erst in der Stadt niedergelassen haben. „Das zeigt wieder, wie weit Unternehmensberater in die Zukunft gucken können: gar nicht. Plötzlich hatten sie ein Projekt vor sich, das funktionieren musste.“

Wenige Wochen später steht der Sparkassenmitarbeiter in der Zweigstelle 91 in Wilmersdorf, wo das Begrüßungsgeld ausgezahlt wird. „Der Schalterraum war von vorne bis hinten mit Menschen gefüllt. Die legten ihre Ausweise vor, bekamen einen kleinen Gummistempel mit Datum hinten rein, das Geld in die Hand – und liefen überwiegend fröhlich wieder raus.“

Begrüßungsgeld-Auszahlung in der Zweigstelle 91, 1989

Das Alexanderhaus am Alexanderplatz, 1990

Danach prüft Kai im neuen Ost-West-Beratungszentrum am Alexanderplatz Kreditanträge – zwei Kollegen aus dem Ostteil der Stadt, zwei aus dem Westteil, mittendrin er als Junior-Kreditreferent. „In der ersten Runde kamen die ganzen Taxi-Unternehmer. Dann die Sonnenstudios. Und zwischendurch immer wieder Handwerksbetriebe, die wirklich eine gute Chance auf Entwicklung hatten. Wir haben damals relativ viele Menschen mit Investitionsmitteln glücklich machen können.“

Kai Oberbach – Ur-Berliner und Zeitzeuge des Mauerfalls

Auch die Stadt selbst geriet in Bewegung. Grundsätzlich, sagt Kai, bleibe man in Berlin oft in seiner Hälfte: Wer im Süden wohnt, zieht selten über den Kurfürstendamm, wer aus Spandau kommt, selten „rüber nach Berlin“. Eine Ausnahme gab es aber: Anfang der Neunziger zogen viele Menschen aus dem Ostteil in den Westteil, weil die Wohnungen dort zu dieser Zeit schlicht besser instand waren. Ein Rückstand, den der Ostteil erst in den vergangenen Jahren aufgeholt hat.

Heute merkt Kai den Unterschied zwischen Ost und West fast nur noch in seiner eigenen Generation. „Wenn ich sage: Ich merke, dass ich gerade in Ostberlin unterwegs bin, dann gucken meine Kinder mich irritiert an. Bei denen findet dieser Unterschied nicht mehr statt.“ Früher musste man am Grenzübergang präzise sein: Wer sagte, er wolle „nach Berlin“, bekam den Hinweis, das sei falsch – gemeint sei „Berlin, Hauptstadt der DDR“. Westberlin, hieß es offiziell, sei eine eigenständige politische Einheit. Heute kaum noch vorstellbar. „Wir haben deutlich mehr Europa als vorher.“

Herma merkt den Osten in sich dagegen bis heute – „aber es ist schwer zu erklären“, sagt sie. Sie war stolz darauf, als berufstätige Frau mit drei Kindern Karriere gemacht zu haben. „Wenn ich im Westen gelebt hätte, wäre das eher ein Makel gewesen.“ Auch materiell sei der Start ein anderer gewesen: In der DDR gab es kein Privateigentum an Häusern, Firmen oder Praxen, das über Generationen hätte vererbt werden können. „Ich – wir – fingen nach dem Mauerfall bei der Stunde null an.“ Geblieben ist dafür die Liebe zur Ostsee ihrer Kindheit: Sie fährt bis heute lieber nach Usedom als nach Sylt.
 


Vielfalt ist kein Konzept. Sie ist Familie.

Wenn Melanie über Vielfalt spricht, erzählt sie keine Konzepte, sondern Familiengeschichte. Ihr Onkel führte viele Jahre eine „Transvestitenkneipe“ am Kurfürstendamm. „Mein Uropa hat in dieser Kneipe immer seine Geburtstage gefeiert, mit der ganzen Familie. Es war immer bunt – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Sie ist in den Siebzigern geboren, „da fing das mit der Toleranz ja gerade erst an. Für meine Familie war das nie ein Thema. Wir kannten Männer in Frauenkleidern, das war für uns Normalität – und in diese Normalität bin ich einfach reingeboren worden.“

Ihre beste Freundin hatte spät ihr Coming-out. „Ich bin mit ihr durch die Lesbenbars gezogen – ich wollte ja nur tanzen. Für mich war das normal, für meinen Mann war das normal. Da muss man eigentlich gar nicht drüber reden.“

Vielleicht fällt deshalb im Gespräch immer wieder derselbe Satz: Leben und leben lassen. Man ärgert sich in Berlin auch mal über den kiffenden Nachbarn, sagt Melanie, aber man ärgert sich im Stillen. „Jeder kann machen, was er will, und der andere toleriert es. Ich glaube, das macht uns aus. Am Alexanderplatz siehst du die wildesten Leute – jeder kann tragen, was er will, jeder kann machen, was er will. Es gibt hier ganz wenige Situationen, wo einer wirklich guckt.“ Notfalls geht man eben im Schlafanzug auf die Straße. Auch das ist Berlin.

Und Vielfalt ist für Melanie noch mehr: eine Überlebensfrage der Stadt. „Vielfalt ist ein Quell von neuer Energie, von neuen Perspektiven. Ich glaube schon, dass wir einen Stillstand erleben würden, wenn wir diese Vielfalt nicht hätten. Das ist der Motor, den wir noch haben.“


In der Schlange nach Currywurst sind alle gleich

Unter den Bögen der U2, direkt an der Ecke Eberswalder Straße/Schönhauser Allee, riecht es seit Jahrzehnten nach gebratener Wurst und süßer Tomatensoße. 1930 kam Max Konnopke mit 29 Jahren aus Cottbus nach Berlin und beschloss, „Wurstmaxe“ zu werden – zunächst mit einem Wurstkessel um den Hals, seine Frau Charlotte an seiner Seite. 1960 servierte er unter dem Viadukt die erste Currywurst Ost-Berlins. Die Soße: bis heute nach Familienrezept, fruchtig und ein bisschen süß. Die Wurst: kommt traditionell aus Erfurt. Inzwischen steht sogar eine vegane Variante auf der Karte – und mit Linda Konnopke steht die vierte Generation hinterm Tresen des Familienbetriebs.

Linda Konnopke – Currywurst in vierter Generation

Für Linda ist der Imbiss dabei viel mehr als eine Berliner Institution. Er ist ein Beobachtungsposten. „Bei uns gibt es jeden Tag so viele Begegnungen, die nie geplant sind. Zwei Menschen aus vollkommen verschiedenen Welten teilen sich für einen kurzen Moment einen Stehtisch unter dem Viadukt, reden ein paar Minuten über das Wetter, den Lärm an der Kreuzung, die Miete oder Sport – und gehen wieder auseinander. Ohne große Förmlichkeit, aber mit dem Gefühl, Teil derselben Stadt zu sein.“

Ob jung oder alt, Tourist oder Nachbar, gerade hergezogen oder hier aufgewachsen, reich oder arm – am Ende spielt das keine Rolle: „Alle stehen im gleichen Moment in derselben Schlange nach Currywurst an.“

Ihr Imbiss, sagt Linda, sei wie ein kleines Schaufenster: „Die Vielfalt der Stadt steht jeden Tag vor unserem Tresen.“ Und manchmal wird aus einem geteilten Stehtisch auch mehr als ein Gespräch über das Wetter. „Man glaubt gar nicht, wie viele Töpfe bei uns schon ihren richtigen Deckel gefunden haben – in diesem riesigen Pool aus Vielfalt.“

Man müsse nicht immer einer Meinung sein, um in Berlin zusammenzugehören, sagt Linda noch. Vielleicht ist das die kürzeste Definition dieser Stadt.


Ein Wohnzimmer gegen die Einsamkeit

Sylvia Thimm – Wirtin des Doors in Berlin

Was an Lindas Stehtischen im Vorbeigehen passiert, hat Sylvia zum Prinzip gemacht. Ihre Kneipe, das „Doors", ist eine echte Berliner Institution. Der Typ Laden, den man nicht sucht, sondern findet, und dann nicht mehr hergibt. Auch wenn viele Kneipen heute Cafés oder Ladenflächen weichen mussten, gibt es sie noch und das „Doors" ist eine davon. Einer dieser Orte, an denen sich die große Stadt plötzlich erstaunlich klein anfühlt.

„Vom Musiker über den IT-Spezialisten, vom Studenten, Erzieher und Sozialarbeiter bis zur Oma von nebenan – immer ein offenes Ohr zu haben, ist wichtig und schön.“

Hier treffen sich Arbeitskollegen und Freundeskreise, Musiker und Konzertgäste, „um über Probleme zu sprechen, sich gemeinsam zu freuen oder auch mal traurig zu sein. Niemand fühlt sich alleine. Das ist schön, und das verbindet.“

Vielleicht, sagt Sylvia, mache genau das Berlin aus: „Unsere Herzlichkeit, die nicht jeder sofort versteht.“ Viele Gäste betrachten das Doors längst als ihr Wohnzimmer, als feste Größe bei Problemen oder um Freude zu teilen. „Ein bisschen ausgesuchte Familie – und auch ein bisschen was gegen die Einsamkeit, die ja immer größer wird, auch bei uns in der Stadt.“

Dass Orte wie das Doors immer seltener werden, hat für Sylvia drei klare Gründe: „Gentrifizierung, Lärmbelästigung und gestiegene Kosten – nicht nur für Gastronomen, auch für die Leute, die in die Kneipe gehen.“

Wer sich das Wohnen im innerstädtischen Bereich nicht mehr leisten kann, geht eben auch in keine Eckkneipe mehr um die Ecke. „Im Prenzlauer Berg gibt es zum Beispiel keine Studenten-WGs mehr, weil die großen Wohnungen alle Eigentumswohnungen geworden sind.“ Dazu komme, dass sich das Konsumverhalten der Jüngeren verändert habe: „Die setzen sich lieber für ein Bier für 1,50 vor einen Späti und feiern da ab. Kann man ihnen auch nicht böse sein. Das ist so der Stand der Dinge.“

Einen Nachsatz hat Sylvia aber noch: „Früher hat man gesagt: Kneipen sind politische und soziale Orte. Das sind sie heute leider nicht mehr – wären aber doch sehr, sehr wichtig.“


Der Funkturm sagt: Du bist wieder zu Hause

Fragt man Ur-Berliner nach ihrem Heimatsymbol, passiert etwas Verblüffendes: Gleich drei von ihnen geben, unabhängig voneinander, fast wortgleich dieselbe Antwort – nur der Turm ist je nach Stadthälfte ein anderer.

Der Funkturm im Berliner Ortsteil Westend

Ur-Berliner Martin im Funkturmrestaurant

„Der Funkturm war früher das Erste, was man gesehen hat, wenn man über die AVUS nach Berlin reingekommen ist“, sagt Martin. „Dann wusste ich: Du bist wieder zu Hause.“ Und Heike erinnert sich an die Busreisen ihrer Kindheit: „Wenn man auf der Autobahn den Funkturm gesehen hat, haben wir gesagt: Jetzt sind wir wieder zu Hause. Zu Hause ist schön, da lebt man sehr gerne – und dieses Gefühl habe ich bis heute.“

Bei Herma ist es derselbe Reflex, nur ein anderer Turm: „Egal, von wo ich komme: Wenn ich Richtung Zuhause fahre und von Weitem den Fernsehturm sehe, weiß ich,  ich bin gleich zu Hause.“ Sie wohnt heute wieder in Friedrichshain, wo sie aufgewachsen ist; im Ostteil der Stadt, sagt sie, fühle sie sich bis heute am heimischsten. Funkturm im Westen, Fernsehturm im Osten – das Gefühl ist dasselbe.

Dabei hat Heike durchaus den Vergleich: Rund 50 Mal war sie in New York, sie liebt das Tempo und die Kreativität der Stadt – „eine alte Bahntrasse wird einfach zum Park, das finde ich wahnsinnig toll“. Auswandern? Kam trotzdem nie infrage. „Ich komme total gerne zurück nach Berlin. Allein wegen des Essens.“ Was ihr drüben fehlt: „Brot, das nicht Ziehharmonika ist, sondern wo man auch was kauen kann. Und Kohlrouladen mit Kartoffeln – richtig urig deutsch.“

Jede und jeder hat solche Orte, an denen das eigene Berlin hängt. Kai zeigt seinen Gästen gern die Gegensätze der Fünfzigerjahre: hier das Hansaviertel mit den Bauten der West-Bauausstellung, dort die Karl-Marx-Allee, die frühere Stalinallee, im Zuckerbäckerstil – „zwei Baustile, die die Gegensätze der Fünfziger ganz gut zeigen“. Am Wannseehaus der Berliner Sparkasse hängen für ihn Erinnerungen aus vier Jahrzehnten: von der ersten kleinen Geburtstagsfeier in der alten Remise bis zum 60. Geburtstag im frisch renovierten Saal.

Melanie zieht es ebenfalls an den Wannsee. Als Kind verbrachte sie dort die Wochenenden auf dem Campingplatz – „meine Wochenendkindheit“, sagt sie. Einmal im Jahr macht sie bis heute eine Dampferfahrt: „Wahrscheinlich kenne ich schon jeden Baum und jeden Stein.“ Im August will sie mit Freunden den Garten der Max-Liebermann-Villa erlaufen, egal bei welchem Wetter, „auch bei 38 Grad“. Und Martin hat gute Freunde mit Segelbooten an der Havel: „Wenn man da einfach mal einen Tag draußen ist – das ist ein Kurzurlaub mitten in Berlin.“

Wer kein Boot hat, nimmt die Picknickdecke: Das Tempelhofer Feld halten gleich zwei der sieben für den am meisten unterschätzten Ort der Stadt. „Da wird der Hammel gegrillt, daneben ist die Yoga-Gruppe, daneben sind Guerilla-Gardening-Leute unterwegs“, sagt Melanie. „Das ist wieder das Thema Vielfalt.“

Sparkassen-Ballon beim Tag der offenen Tür auf dem Flughafen Tempelhof, um 1975

Berliner Schnauze: harte Schale, weicher Kern 

Stimmt eigentlich das Klischee von der Berliner Schnauze? Melanies Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Aber voll. Ich verkörpere das leider auch.“

Dann erzählt sie eine Geschichte. Sie kommt gerade vom Tierarzt – „unsere Kinder haben vier Füße und Fell“, sagt sie über ihre Meerschweinchen –, als neben ihr ein Transporter rückwärts rangiert. Sie ruft „Stopp, Stopp, Stopp!“, der Wagen kracht trotzdem in ein parkendes Auto. Der Fahrer steigt aus, und sein erster Satz lautet ausgerechnet: „Du bist schuld!“ – „Da bin ich natürlich explodiert. Ich lasse mir wirklich nicht die Butter vom Brot nehmen.“ Ihr Mann warnt sie zwar gern, irgendwann komme der Punkt, an dem sie mal eine auf die Schnauze kriege. Beeindrucken lässt sie sich davon nicht.

Für die Haltung dahinter zitiert sie den legendären Berliner Taxifahrer: „Wo wollen Sie hin? Halten Sie die Schnauze und steigen Sie ein. – Das gilt heute noch für die Stadt. Und übrigens auch für mich.“

Und die vielzitierte Berliner Freundlichkeit? „Wenig vorhanden“, sagt Melanie trocken. „Auf der Straße hält dir keiner die Tür auf. Aber wenn du einen Berliner wirklich triffst und ihn ins Herz triffst, dann macht der alles für dich. Harte Schale, weicher Kern – das ist seit 100 Jahren so.“ Kai fasst dieselbe Haltung in einen Satz, der glatt als Berliner Lebensmotto durchgehen könnte: „Nicht gemeckert ist genug gelobt.“

Es ist genau diese Ehrlichkeit, die viele – gerade Zugezogene – an Berlin so schätzen: Wenn jemandem hier etwas nicht passt, sagt er es einem ins Gesicht und nicht hinter dem Rücken.

Nur um das Berlinerische selbst macht sich Melanie Sorgen. „Das ist eine Mundart, die wir viel zu wenig pflegen und die leider ausstirbt.“ In Cottbus, erzählt sie, würden extra Lehrkräfte eingestellt, damit die Kinder Sorbisch lernen und die Kultur nicht verschwindet. „Ich glaube, das sollten wir in Berlin mit dem Berlinerischen auch machen – als freiwilliger Workshop in den Schulen.“ Ihre Oma habe früher an ihrer Grundschule die Handarbeitskurse gegeben, so einfach könne das sein.

Auch Kai erinnert sich an solche kleinen Unterschiede zwischen Ost und West, die heute kaum noch jemandem auffallen: „Zweiraumwohnung im Osten, Zweizimmerwohnung im Westen, das war ungefähr das Niveau der Differenzen, die es sprachlich noch gab.“ Ihren Lieblingsausdruck hat Melanie natürlich parat: Fisematenten. Der stamme, erzählt sie, vom französischen „Visitez ma tente“ – „Besuchen Sie mein Zelt“. „Heute heißt es: Mach keine fiesen Matenten. Also: Mach keine Umstände.“


Ur-Berliner sein heißt: geboren und durchgehalten

Wer nun glaubt, aus Ur-Berlinern sprudele nur Lokalpatriotismus, kennt Melanie schlecht. „Berlin ist groß, Berlin ist dreckig. Berlin ist, finde ich, die dreckigste Stadt in ganz Deutschland“, sagt sie ungerührt. „Aber Berlin ist immer Wandel. Berlin ist ein bunter Flickenteppich – ein dreckiger Flickenteppich.“ Ob es Momente gibt, in denen sie denkt: Genau deshalb ist Berlin Berlin? „Ja. Immer wenn ich in den Hundehaufen trete.“

Auch das Zusammenleben in der Stadt sieht sie nüchtern – wie eine Sinuskurve. „Das wird mal besser und mal schlechter, und gerade sind wir an einem Punkt, wo viel Unmut ist.“ Nach der Wende hätten sich erst alle geliebt, dann kam das große Gemecker über Ossis und Wessis. „Und mittlerweile ist das kein Thema mehr.“

Vielleicht speist sich diese Zuversicht aus Begegnungen wie der mit dem Obdachlosen aus ihrer Ecke, dem sie immer mal wieder einen Kaffee mitbrachte. Er erzählte ihr seine Geschichte, von Frauen, Alkohol und Arbeitslosigkeit – und davon, dass ein Betrieb in der Nähe ihm Probearbeit angeboten hatte und er sich so gerne einmal vernünftig waschen wollte, weil er diesen Arbeitsplatz unbedingt haben wollte. Irgendwann war er weg und kam nicht wieder. „Ich bilde mir ein, er hat die Kurve noch mal gekriegt. Ich wünsche ihm das aus der Ferne.“ Die Begegnung, sagt sie, habe sie geprägt: „Für alles noch mal ein Stück dankbarer zu sein.“

Worauf sie stolz ist, wenn sie an Berlin denkt? „Hier geboren worden zu sein und hier durchgehalten zu haben. Geboren und durchgehalten.“ Viele aus ihrem Freundeskreis haben irgendwann in Brandenburg gebaut, weil Berlin schon damals zu teuer war. „Wir sind tatsächlich die Letzten, die gesagt haben: Nein, wir bleiben in der Stadt.“

Und wenn Berlin ein Mensch wäre? Melanie überlegt kurz. „Berlin wäre ein Mann. Übergewichtig, sehr selbstbewusst, halbe Glatze, nicht ganz so ordentlich gekleidet. Aber einer, der jeden ins Herz nimmt: Komm mal her, meine Kleine. Komm mal unter meinen Arm.“

Bleibt nur noch ein Satz zu vervollständigen: Berlin ist für mich …?

„Dufte.“

FAQ

FAQ – häufige Fragen rund um Ur-Berliner

Was ist ein Ur-Berliner?

Als Ur-Berliner gelten Menschen, die in Berlin geboren und aufgewachsen sind – oft in Familien, die schon seit Generationen in der Stadt leben. Weil so viele Menschen neu nach Berlin ziehen, sind sie selten geworden. Oder wie Martin es sagt: „Eigentlich müsste man Ur-Berliner unter Naturschutz stellen.“

Was bedeutet „Berliner Schnauze“?

Die Berliner Schnauze steht für den direkten, schlagfertigen und manchmal ruppigen Ton der Stadt. Wer sie zum ersten Mal erlebt, hält sie schnell für Unfreundlichkeit – dahinter steckt aber meist das Gegenteil: harte Schale, weicher Kern. Wen ein Berliner ins Herz geschlossen hat, für den tut er alles.

Wo gab es die erste Currywurst Ost-Berlins?

Bei Konnopke’s Imbiß unter dem U-Bahn-Viadukt an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. 1960 servierte Max Konnopke dort die erste Currywurst Ost-Berlins – mit Soße nach Familienrezept, fruchtig und ein bisschen süß. Heute führt die vierte Generation der Familie den Imbiss.

Was heißt eigentlich „Fisematenten“?

Ein typisch berlinischer Ausdruck für Umstände oder Ausflüchte: „Mach keine Fisematenten!“ Der Überlieferung nach stammt er vom französischen „Visitez ma tente“ – „Besuchen Sie mein Zelt“.

Welche Orte empfehlen Ur-Berliner abseits der Klassiker?

Zum Beispiel das Schloss Britz und den historischen Dorfkern Rixdorf in Neukölln, das Tempelhofer Feld, den Tierpark in Friedrichsfelde, eine Dampferfahrt auf dem Wannsee oder einen Segeltag auf der Havel. Und wer über die AVUS in die Stadt kommt, hält es wie viele Ur-Berliner: ein Blick auf den Funkturm – dann ist man wieder zu Hause. Im Ostteil der Stadt übernimmt diesen Dienst der Fernsehturm.

Die Berliner Sparkasse steht für Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft.

Diversity in der Berliner Sparkasse

Ob unsere Mitarbeitenden-Netzwerke S Queer und Väter.in.Motion oder unsere Kooperationen mit Institutionen, wie dem Regenbogenfamilienzentrum – wir stehen für Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft.

Die Berliner Sparkasse setzt sich direkt im Kiez ein.

Gemeinsam für Berlin

Das gesellschaftliche Engagement der Berliner Sparkasse ist so vielfältig wie die Stadt selbst: Mit einer Fördersumme von 4,5 Millionen Euro unterstützen wir jährlich über 600 kleine und große Projekte.

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