Die Berliner Bildungsorganisation „LifeTeachUs“ bringt lebensvorbereitendes Wissen in die Schule – und füllt damit Ausfallstunden mit sinnvollem Unterrichtsstoff von Freiwilligen.
Allein an Berliner Schulen fallen im Schnitt 20.000 Unterrichtsstunden aus – und zwar pro Woche. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet das regelmäßig Leerlauf und den Verlust von wertvollem Wissen. Auch Ludwig Thiede hat diese Erfahrung gemacht, als er in Neukölln zur Schule gegangen ist und Abitur gemacht hat. Der inzwischen 27-Jährige verfolgt seitdem eine Mission: Zum einen will er diesen Unterrichtsausfall sinnvoll ersetzen und gleichzeitig wichtiges Wissen von außen in das Bildungssystem integrieren.
Vor vier Jahren hat er damit begonnen, seine Vision umzusetzen, und zwar mit dem Verein LifeTeachUs („Das Leben lehrt uns“) „Am Ende meiner eigenen Schulzeit hatte ich die Erkenntnis, dass ich jetzt ins Leben entlassen werde und mich eigentlich nicht ausreichend vorbereitet fühle“, erklärt Ludwig Thiede. „Wieviel einem mitgegeben wird, ist extrem familienabhängig. Echte Chancen- und Bildungsgerechtigkeit haben wir in Deutschland leider nicht.“
Die Basis seiner Idee bilden eine Website und eine Smartphone-App. Hierüber können Schulen ihren Unterrichtsausfall melden beziehungsweise LifeTeachUs zur Verfügung stellen. Dieser wiederum bietet diese Zeit Menschen an, die gern etwas Lebenswissen spenden wollen. Das kann eine Tischlerin sein, die Fünftklässlern etwas über Holzarten erzählt, ein Künstler, der aus seinem Alltag berichtet und Schülerinnen und Schülern damit eine besondere Vertretungsstunde schenkt. Der Verein nennt es eine „LifeLesson“.
„Ich dachte mir damals: Mensch, wir haben so viel Leerlauf in den Schulen und da draußen laufen genug Menschen herum, für die es wahrscheinlich keine große Sache wäre, für eine Unterrichtsstunde in die Schule zu kommen und einfach aus ihrem Leben zu erzählen“, erinnert sich Ludwig Thiede. In Berlin hat der Verein bereits über 2.000 Ehrenamtliche für diese LifeLessons gewinnen können, bundesweit sind es über 12.000. „Die Bandbreite ist sehr divers“, betont der Gründer. „Ein Großteil unserer LifeTeacher stellt den Beruf vor. Sie sprechen aber auch darüber, wie sie dahingekommen sind und welche Eigenschaften man mitbringen muss. Man kann sich auch für andere Themen melden, die nicht direkt mit einem Beruf zu tun haben – etwa eine Weltreise – oder wie es ist, seine Angehörigen zu pflegen. Das ist auch ein wichtiges Lebensthema.“
Wer sich bei LifeTeachUs engagieren möchte, muss sich als LifeTeacher nur die App downloaden und wird anschließend Schritt für Schritt durch den Prozess geführt, um sich zu qualifizieren. Neben erweitertem Führungszeugnis und einer Selbstverpflichtung reicht man anschließend ein Thema ein, welches einer der fünf Themensäulen zugeordnet wird: „Leben“, „Karriere“, „Sozial“, „Global“ oder „Gesundheit“. Auch ganz praktisches Alltagswissen wie Steuern, Finanzen und Versicherungen sind gefragt: „Wir wollen die ganze Vielfalt zeigen, die Leben ausmacht.“
Wenn eine Schule in der Umgebung einen Unterrichtsausfall meldet, bekommen die LifeTeacher eine Benachrichtigung über die App und können sich mit ihrem Thema bei der jeweiligen Schule zur Verfügung stellen und eine Klasse für 45 Minuten sinnvoll beschäftigen.
Die ersten drei Jahre hat Ludwig Thiele als Social Entrepreneur sein Vorhaben selbst finanziert. App und Website hat er mit einem Freund programmiert und gestaltet. Erst im vierten Jahr ist durch Förderungen und Spenden, unter anderem von der Berliner Sparkasse, genug Geld zusammengekommen, so dass er sich selbst ein Gehalt auszahlen und drei weitere Mitarbeitende beschäftigen kann. „Am Anfang haben uns viele nicht geglaubt, dass es sich um ein soziales Projekt handelt“, so Ludwig Thiede. „Es war harte Arbeit, dieses Vertrauen aufzubauen, um in die ersten Schulen reinzukommen.“ Das ist jetzt anders. Dank einiger Berichte in Nachrichtensendungen und vielen Presseartikeln braucht es nicht mehr viel Überredungskunst.
Bundesweit 200 Schulen nutzen den Service von LifeTeachUs inzwischen: „Wir sind in jedem Bundesland mit mindestens einer Schule vertreten, hauptsächlich in Metropolen, aber auch auf dem Land. Dadurch, dass wir unsere LifeLessons auch digital anbieten, wäre es möglich, sich von Berlin aus in eine Dorfschule in Niedersachsen dazuzuschalten.“
Ludwig Thiedes Mission ist weitreichend. Es geht nicht nur darum, Unterrichtsausfall zu kompensieren: „Wir schaffen Begegnungen mit Menschen, zu den die Schülerinnen und Schüler sonst keinen Zugang hätten. Ich finde, gerade in der heutigen Zeit ist es so wichtig, Menschen zu begegnen, die vielleicht aus einem ganz anderen Umfeld kommen als ich. Das schafft Respekt und gegenseitige Anerkennung.“
Ludwig Thiede (2.v.l.) und das Team von LifeTeachUs
Inzwischen befindet sich LifeTeachUs auf der Erfolgsspur. Pro Tag melden sich 40 bis 80 Ehrenamtliche, die ihr Wissen weitergeben wollen. Und die LifeLessons kommen so gut an, dass manche Schulen diese sogar fest in den Stundenplan integrieren wollen – also nicht nur als Lückenbüßer. „Unser Ziel ist, dass unsere Idee fester Bestandteil des Bildungssystems wird“, sagt LudwigThiede. „Es sollte zum guten Ton gehören, dass man in eine Schule bei sich im Umkreis geht und da aushilft, beziehungsweise eine Schulstunde spendet. Wenn wir das erste Land wären, wo die ganze Gesellschaft Schule macht – das wäre doch großartig.“
Die Berliner Sparkasse engagiert sich in verschiedenen Bildungsbereichen. Sie unterstützt lebendiges und erlebnisorientiertes Lernen im Alltag und sorgt für finanzielle Allgemeinbildung.
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